
Hand aufs Herz
Liebe Leserinnen und liebe Leser,
immer wieder erzählen Menschen in der Arztpraxis vom Herzinfarkt und
ihrem Leben danach. Alle erzählen sie von ihren Hoffnungen, einzelne
auch von Enttäuschungen. Der erlittene und erlebte Herzinfarkt ist das
einschneidende Erlebnis im Leben, das Warnsignal. Manch einer meint, das sei
„ein Fingerzeig Gottes“, wenn in der eigenen Brust das Herz droht,
seinen Dienst zu versagen.
Informiert über ihre Krankheit und interessiert an ihrer Gesundheit sind
nach dem Herzinfarkt alle. Sie wissen, dass es zu einem Herzinfarkt bei ihnen
gekommen ist, weil ein Teil des Herzmuskels infolge langzeitiger Atherosklerose
– eines Entzündungsprozesses der pergamentdünnen Gefäßwände
- durch ein Blutgerinnsel zuwenig oder gar nicht mehr mit Sauerstoff versorgt
wurde. Sie wissen, dass ursächlich eine schwerwiegenden Einengung oder
gar der Verschluss eines Herzkranzgefäßes ist. Sie wissen auch,
dass die Schädigung des Herzmuskels zu Herzrhythmusstörungen führt,
bei einigen bis zum Herzflimmern. Der Herz-Kreislauf-Stillstand findet im
Gespräch selten Erwähnung. Wohl aber die Tatsache, dass beim Infarkt
ein Teil des Herzmuskelgewebes abstirbt. Wichtige Anzeichen sind ein heftiger
Druck – „wie im Schraubstock“ – und Schmerzen in der
Brust, die mindestens eine viertel Stunde andauern und unabhängig von
Körperbewegungen und Atmung anhalten und oft mit einem Vernichtungsgefühl
einhergehen. Diese Schmerzen könne aber auch in den Hals, den Unterkiefer,
die Schultern, die Arme und den Oberbauch ausstrahlen und deshalb als Zahnschmerzen,
Rheuma oder Magenverstimmung fehlinterpretiert werden.
Die besten Überlebenschancen hat, wer innerhalb von zwei bis vier Stunden nach Beginn der Beschwerden ins Krankenhaus kommt. Das schaffen aber nicht alle: 37 Prozent versterben vor Einlieferung in die Klinik, weitere 21 Prozent innerhalb der ersten 24 Stunden. Ganze 42 Prozent überleben die ersten 24 Stunden. Das sind die brutalen statistischen Daten. Konsequenzen müssen alle Beteiligten ziehen: Politik und Klinik, Ärzte und Patienten.
Die wichtigsten Maßnahmen auf der Intensivstation sind schmerzstillende Medikamente, Überwachung von Puls, Blutdruck und Infusionen. Die enthalten Stoffe, die Blutgerinnsel auflösen: bei zwei von drei Patienten kann das Blutgerinnsel aufgelöst und die Durchblutung des gefährdeten Herzareals wieder hergestellt werden.
Beim Infarkt selbst hatten die Meisten gar keine Angst. Für Angst blieb einfach keine Zeit. In der Erinnerung überschlugen sich die Ereignisse. Alles ging ganz schnell. Das ist Realität: der grauenhafte, schraubstockartige Druck in der Brust, ein höllischer Schmerz, ein Blitz aus heiterem Himmel. Scheinbar ohne Vorwarnung. Der Ablauf in der Klinik ist im konkreten Ablauf eher verschwommen erinnerlich. Die wohltuende Wirkung der Schmerzspritze – ja. „Das weiß ich noch genau. Der Schmerz ging, die Todesangst auch und ich glitt in eine wohlige Ruhe. Ich wusste, in der Klinik war ich in Sicherheit. Gut, wenn man nicht alleine ist“. Erst viel später kommt der Gedanke: was ist, wenn keiner da ist? Keiner, der den Arzt ruft, den Krankenwagen? Oder die Frage: warum überleben Frauen der Statistik nach den Herzinfarkt nicht so oft wie Männer? Was bleibt, ist eine ängstliche Selbstbeobachtung.
Kurz zum Thema Herzsportgruppen in unserer Stadt: Patienten mit verbesserter,
aber noch nicht optimaler Leistungsfähigkeit – mehr Männer
als Frauen. Die meisten zwischen fünfzig und sechzig. Jüngere sind
auch dabei. Zwei, drei wohl schon über siebzig. Nicht alle hatten einen
Herzinfarkt, der eine oder andere eine Bypass-Operation. Auch eine Kunstklappe
als Ersatz für eine schadhafte Aortenklappe gehört der Trainingsgruppe
an. Manch einer scheint konditionell besser drauf zu sein als so manch Untrainierter,
„Gesunder“. Meine Hochachtung und lebender Beweis dafür,
dass es sich lohnt, etwas für seine Gesundheit zu tun
Ganz gleich, ob abhängig von den Untersuchungsergebnissen ein operativen Eingriff an den Herzkranzgefäßen (Bypass-operation) wird oder eine Aufdehnung der verengten Gefäße (Ballondilatation) durchgeführt wird, das Ziel ist immer: die Blutversorgung des Herzens wieder zu optimieren. Mit oder ohne Eingriff , alle Patienten nehmen Medikamente, die die Sauerstoffversorgung des Herzens verbessern helfen. ASS/ Aspirin ist immer noch dabei, vor achtzig Jahren als Schmerzmittel entdeckt, weiß man um die Wirkung, dass es auch die Bildung von Blutgerinnseln verhindern hilft. Moderne Medikamente haben das Mittel heute vielfach abgelöst.
Wenn man jahrelang zuvor bei der geringsten Anstrengung Atemnot und Beklemmung hatte, dann ist es ein beglückendes Gefühl, wieder frei atmen zu können und keine Angina pectoris Anfälle mehr befürchten und erleiden zu müssen.
Früher – vor Jahrzehnten - waren Nitrate und Nitroglycerin die
einzig wirksamen Medikamente gegen den Herzinfarkt. Sie haben aber keine protektive
Wirkung, sind also lediglich „Kopfschmerztabletten“ für die
Herzkranzgefäße. Heute werden die sogenannten ACE-Hemmer bevorzugt.
Damals wurde der frische Herzinfarkt noch mit mindestens sechs Wochen strengster
Bettruhe behandelt. Die Angst nicht nur bei den Patienten und ihren Angehörigen,
sondern auch bei den behandelnden Ärzten war vorherrschend.
Heute wird in der Klinik schon bald nach dem „Zusammenbruch“ mit
der Rehabilitation begonnen: die körperliche Mobilisierung ist zunächst
primär das Wichtigste, sehr bald gefolgt aber von der seelischen Verarbeitung
des Infarkttraumas.
Nicht selten kommt es in der ersten Phase zu reaktiven Depressionen. Doch
an der Auseinandersetzung mit sich selbst kommt niemand vorbei: wichtig vor
allem: die Lebensgewohnheiten überprüfen und gegebenenfalls ändern.
Patientenschulungen beinhalten neben Bewegungstraining, Entspannungstraining,
Informationen über Ernährung und ähnliches.
Männer erleben den Anschlag auf ihr Herz als persönliche Niederlage.
Nach dem ersten Schrecken muss erst wieder Demut gelernt werden. „Die
Attacke auf das Herz hat gleichsam den Boden unter den Füssen weggezogen“.
„Man weiß nicht, ob man wieder richtig leistungsfähig sein
wird, oder zu nichts mehr nutze“. Der Glaube, „das stecke ich
leicht weg“, ist ein Trugschluss. Es gelingt nicht. Der Geist ist willig,
der Körper dagegen schwach. Ein Weitermachen wie zuvor wäre Selbstmord
auf Raten. Die Haltung „ganz oder gar nicht“ „full power“
– ist in Beruf und Privatleben zukünftig nicht lebbar. Wer keine
Zwischentöne zulassen kann, ist kurz über lang wieder in der Klinik.
Ein Herzinfarkt Patient ist ein Leidender – er muss lernen auch ein
Geduldiger zu werden.
Die „Gewinner-Typen“, speziell Männer in verantwortungsvollen
Spitzenpositionen, haben vor Jahren noch als typische Anwärter für
den Herzinfarkt gegolten,, den man nicht grundlos Managerkrankheit nannte.
Heute, denke ich, trifft es eher Menschen, die weiter ungesund leben, auch
bezüglich Arbeitsstress sind mittlerweile am meisten die Angehörigen
der unteren und mittleren Dienstränge betroffen. Leute in sogenannten
Sandwich-Positionen, die Druck von oben und unten zugleich bekommen, ohne
eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu haben. Die Angst, im Beruf nicht zu
bestehen, nicht zu wissen, wie lange er noch seinen Job behält.
Als Hauptrisikofaktoren sind identifiziert Zigarettenrauchen, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Diabetes, Übergewicht, Bewegungsmangel und negativer Stress. Weitere nicht beeinflussbare Risiken sind höheres Lebensalter, das männliche Geschlecht und das individuelle genetische Risiko, wenn Eltern oder Geschwister einen Herzinfarkt erlitten haben vor dem 50. Lebensjahr. Ein Trost: das Herzinfarktrisiko dieses Personenkreises entspricht aber praktisch jenem von Menschen ohne genetisches Risiko, wenn sie denn gesundheitsbewusst und vernünftig leben.
Wissenschaftliche Untersuchungen können spannend und tendenziell erhellend
sein.
Dazu zwei interessante Ergebnisse:
Vor hundert Jahren bewegten sich unsere Artgenossen zwischen zwanzig und dreißig
Kilometer pro Tag, vorwiegend um zu überleben. Heute liegt das statistische
Mittel bei 712 Metern!
Bekanntlich haben die Japaner die geringste Herzinfarktrate aller Industrienationen. Untersuchungen haben aber gezeigt, dass auch sie „aufholen“. Diesem Phänomen sind Forscher nachgegangen. Eines der überraschenden Ergebnisse: je länger der Weg zur nächsten U-Bahnstation, desto geringer das Infarktrisiko!
Wer nicht wie die Eskimo täglich Fisch essen will, sollte sich mehr bewegen. Ein Lösungsansatz für unsere Gesundheitspolitik mit den hinlänglich bekannten Finanzproblemen? Wenn alle sich mehr bewegen würden, hätten wir keine Budgetprobleme!
Für Ihre Gesundheit alles Gute, wünscht Ihnen Ihr Wolfgang Woynar
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Herzprobleme : Das schwache Herz
Bei ungenügender Pumpleistung des Herzens – „wenn das Herz
schwächer wird“ – entsteht Atemnot schon bei geringer Belastung
oder sogar in Ruhe. Der Arzt spricht von „Herzinsuffizienz“. Diese
Beschwerden treten auf, wenn die Pumpleistung der linken Herzkammer nachlässt
und nicht mehr ausreichend sauerstoffreiches Blut von der Lunge in den Körperkreislauf
gelangt. Die Folge: „Wasser auf der Lunge“, Flüssigkeit dringt
in Lungengewebe ein. Bei leichter Herzschwäche richtet sich der Patient
nach meiner Erfahrung in seinen Lebensabläufen auf die verminderte Leistungsfähigkeit
ein. In diesem Stadium ist die Herzinsuffizienz noch nicht weiter störend
oder gefährlich. Bei fortschreitender Herzinsuffizienz aber, insbesondere
wenn der Patient selbst unter Ruhebedingungen unter immer schwerer Atemnot
leidet, sind spezielle medikamentöse und begleitende Maßnahmen
zwingend geboten. Beim plötzlichen Auftreten einer starken Atemnot –
dem Lungenödem – ist zumeist ein Klinikaufenthalt unvermeidlich.
Ein Beispiel aus der ärztlichen Praxis: in der „Grippezeit“
tritt bei sonst „herzgesunden“ Menschen nicht selten eine Überforderung
des Herzens ein durch die zusätzliche Belastung durch Infekt und Hustenreflex.
Hilfreich sind als erste Maßnahmen eine aufrechte Sitzhaltung, und frische
Luft. Die sofortige ärztliche Untersuchung ist dringend angezeigt.
Hauptursachen der Herzinsuffizienz sind erhöhter Blutdruck mit nachfolgenden
Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße. Hoher Blutdruck
bedeutet: der Herzmuskel arbeitet andauernd übermäßig und
ermüdet vorzeitig. Auch die Verengung der Herzkranzgefäße
kann mit den Jahren zu einer Schwächung des Herzmuskels führen.
Bei relativem Missverhältnis zwischen Sauerstoffbedarf etwa beim Treppensteigen
und dem tatsächlich bereitgestellten Sauerstoffangebot in den Koronarien
kann es zum Absterben von Teilen des Herzmuskels – dem „Herzinfarkt“
- kommen. Weitere Gründe für Herzschwäche können Erkrankungen
der Herzklappen sein, aber auch Entzündungen des Herzmuskels. Gar nicht
so selten ist die Herzschwäche Folge chronischen Alkoholismus.
Wie kann man der Herzinsuffizienz zuvorkommen, vorbeugen (Prävention)?
Mein Rat (nicht wirklich neu – aber Fakten ändern sich eben nicht!):
ausgewogene Kost und ausreichend Bewegung sind gut für die Gesundheit, Übergewicht und Nikotinsucht sind ungünstig. Weitere Risikofaktoren können durch regelmäßige Kontrolle von Blutdruck, sowie Blutzucker und Cholesterin im Blut wenn schon nicht vermieden, so aber frühzeitig festgestellt werden. Bei manifester Herzinsuffizienz ist die ärztliche Behandlung unumgänglich. Das gilt für die medikamentöse Behandlung des Bluthochdruck, des erhöhten Blutzuckers ebenso wie für die Patientenschulung bei Übergewicht und Raucherentwöhnung. Mit einfachsten Mitteln wie Stethoskop, Blutdruckmessgerät und Waage verschafft sich der Arzt Klarheit über den Schweregrad der Herzinsuffizienz. Zahlreiche gut wirksame und verträgliche Medikamente verbessern die Herzschwäche entscheidend. Dies geschieht durch Senkunkung des Blutdrucks, Entlastung der Herzmuskulatur, Erweiterung der Herzkranzgefäße, Regulation des Pulses und indem aus dem Kreislauf Salz und Flüssigkeit entzogen werden. Notwendige Voraussetzung für den Behandlungserfolg sind die Information und aktive Mitarbeit des Patienten und seiner Angehörigen.
Dr. med. Wolfgang Woynar FA Allgemeinmedizin-Sportmedizin
