
Psychosomatik in der ärztlichen Praxis
Eine patientenorientierte Medizin ohne Psychosomatik ist in der modernen
Hausarztpraxis heute undenkbar. Diese Feststellung lässt sich eindrucksvoll
belegen durch die zahlreichen Menschen, die tagtäglich Arztpraxen mit
körperlichen Symptomen aufsuchen, deren Ursachen jedoch in psychischen
Konflikten zu finden sind.
Für Ärzte wachsen die Anforderungen gewaltig: neben der Kernkompetenz
in dem jeweils medizinisch definierten Fach- / Organgebiet, geht es in der
Patientenbetreuung rasch um die psychosomatische Kompetenz.
„Psychosomatische Medizin“, das ist zunächst eine Theorie
der Medizin, die Einheit von Leib und Seele in einem Netz sozialer Beziehungen
lehrt; das heißt:
eine Theorie bio – psycho – sozialer Zusammenhänge.
Psychosomatik beschreibt also, wie und mit welcher Auswirkung die Entstehung, der Verlauf und die Bewältigung von körperlichen wie auch psychischen Krankheiten durch biologische, psychische und soziale Prozesse mitbestimmt werden. Das gilt im Prinzip für den banalen Schnupfen wie für den Krebs gleichermaßen.„Psychosomatische Medizin“, das ist zweitens eine Behandlungsmaxime für alle Ärzte : lernen Sie, Medizin zu verstehen und zu definieren als Naturwissenschaft plus Psychologie ( Erleben und Verhalten der Menschen) plus Gesellschaftswissenschaft. Dies sind die einander ergänzenden Teile einer „ganzheitlichen“, integrativen Medizin.
Das Folgende geschieht in der ärztlichen Praxis tagtäglich: Ärzte
ergänzen Diagnostik und Therapie rein wissenschaftlicher Kategorien um
erfahrungsmedizinische Inhalte. Im allgemeinen gehen Patienten wegen körperlicher
Beschwerden zum Arzt, gewissermaßen als „Eintrittskarte“.
Dabei „präsentieren“ Menschen die unterschiedlichsten Symptome.
Sie klagen zum Beispiel nicht über Angst, Ambivalenz oder Kontaktstörungen,
sondern übersetzen Konflikte und Spannungen in körperliche Symptome.
Indem sie solches tun, können sie wesentliche Ursachen ihres körperlichen
Krankseins nicht an sich selbst wahrnehmen. Sie können diese ursächlichen
Bedingungen aber auch nicht zur Sprache bringen. Damit liegt die Lösung
für alle Beteiligten, Patient wie Arzt , in weiter Ferne.
Die Psyche eines Menschen ist fortwährend vielfältigen Belastungen
ausgesetzt. Vieles darf einfach nicht sein, deshalb wird es verschwiegen,
unterdrückt, angepasst. Man ist bestrebt, nur dasjenige zu bekennen,
was im sozialen Umfeld erwartet und verstanden wird. Wenn dann der innere
Druck dieser ungelösten Spannungen an Bedürfnissen und Phantasien
zu groß wird, ja dann kann es zum körperlichen Ausdruck, zum somatischen
Symptom psychischer Ursachen kommen.
Verschiedene Studien zeigen, es gibt: „Patienten-Karrieren“ und ungezählte, langjährige Behandlungsbemühungen, die letztendlich nur psychosomatisch verstehbar und behandelbar sind.
• Organische Befunde allein können bei etwa einem Drittel aller
Patienten die geklagten Beschwerden erklären.
• Bei einem weiteren Drittel sind sowohl organische als auch psychosoziale
Faktoren Ursache der Krankheitsentstehung.
• Bei den übrigen Patienten kann überhaupt kein adäquater
organischer Befund als Ursache für die Beschwerden erhoben werden.
Beschwerden, die mit den üblichen diagnostischen Mitteln nicht geklärt werden, können beim Patienten wie auch seinem Arzt zu Unsicherheit führen:
• Der Arzt hat Angst, diagnostisch eine schwere Krankheit nicht erkannt
und gestoppt zu haben. Er neigt in dieser unklaren Situation dazu, mit noch
genaueren Methoden und unter Hinzuziehen aller Fachgruppen und „Kapazitäten“
nach organischen Leidensursachen. zu fahnden und – vernachlässigt
dabei die seelische Seite. Er lässt sich von der Angst des Patienten
gewissermaßen „anstecken“ und wird zum „hilflosen
Helfer“.
• Der Patient dagegen gewinnt mit der Zeit die Überzeugung, dass
seinen Beschwerden bei all diesen vielen Bemühungen wohl zwingend eine
-selbstredend- schwerwiegende organische Ursache zugrunde liegen müsse
und bildet sich sein eigenes Körper-Krankheitsbild.
Eine mögliche Folge: die Kommunikation zwischen Patient und Arzt wird
gestört. Denn der Arzt hat längst - bewusst oder unbewusst - eine
Diskrepanz zwischen dem medizinischen Ausmaß der Beschwerden und der
Symptomschilderung wahrgenommen.
Ärztliches Wissen ist gefordert, das Vermögen zuzuhören, die „Psycho – Logik“, um ein „chronisches“ Krankheitsverhalten zu vermeiden. Das heißt: diese Patienten verhalten sich kränker, als es nach Würdigung der medizinischen Befunde gerechtfertigt wäre.
Auffällig sind bestimmte Verhaltensweisen Betroffener:
• Sie schränken ihre Möglichkeiten, sich selbst im Umgang
mit der Erkrankung zu helfen ein.
• Sie neigen dazu, sich ausgeprägt passiv zu verhalten und ihre
Hilflosigkeit zu demonstrieren.
• Ständig besteht der Wunsch nach medizinischer Interventionen
verbunden mit der nachdrücklichen Forderung, dass medizinische Hilfen
stets unmittelbar zur Verfügung stehen sollen.
• Vordergründig zeigen sie Kooperationsbereitschaft, den ärztlichen
Anweisungen zu folgen, gleichzeitig fehlt das Bemühen, eigenständige
Veränderungen herbeizuführen.
• Sie fordern Aufmerksamkeit und Fürsorge und halten so ihre Rolle
als Kranke aufrecht.
• Sie delegieren die Verantwortung für die eigene Gesundheit an
die Vertreter des Gesundheitssystems. Therapie wird dann passiv konsumiert,
sie lassen sich „be-handeln“, zur Kur „ver-schicken“,
vorzeitig „be-renten“ .
• Sie geben ihren Körper sozusagen zur Reparatur wie ihr Auto.
Es gilt, die Gründe zu erkennen und das, was der Leidende im Verlaufe
seiner Behandlungskarriere im Umgang mit unserem Gesundheitssystem gelernt
hat.
Die Wirksamkeit der psychosomatischen Behandlung lässt sich in vier Bereichen
messen:
• physische Gesundheit, das meint den Funktionszustand, die Fähigkeit
einer Beschäftigung nachzugehen, sich selbst zu versorgen, Mobilität
usw.
• psychische Gesundheit, das meint zum einen Ausgeglichenheit in bezug
auf Befindlichkeit, Ängstlichkeit, Depressivität usw., zum anderen
die Fähigkeit auch mit Belastungen fertig zu werden.
• Soziale Gesundheit, und zwar in den Bereichen Familie, Arbeit und
Beruf (Rollenidentität und soziale Integration).
• Krankheitskosten, wie Klinikaufenthalte, Notfallaufnahmen, Arbeitsunfähigkeit,
Umfang und Häufigkeit medizinischer Untersuchungen, Medikamentenkonsum
und anderes mehr.
Während der Gesunde zum Beispiel die bestätigte Arbeitsunfähigkeit
nutzt, um seine Leistungsfähigkeit wiederherzustellen, versteht der psychosomatisch
Kranke diese Bescheinigung als Beweis dafür, wie schwer und nachhaltig
seine Erkrankung ist. Die Symptomatik verfestigt sich weiter.
Ein anderes Beispiel: manche Patienten zeichnen sich durch Klagsamkeit über die verschiedensten Beschwerden an den unterschiedlichsten Organsystemen des Körpers aus. Studien haben zeigen können, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit mehrheitlich psychische Gründe für die Beschwerden vorliegen, wenn während eines Arztbesuches Männer mehr als drei und Frauen mehr als fünf Symptome angeben.
Unter „nervösen Erschöpfungszuständen“ versteht man in der Praxis Patienten, die ihre Beschwerden auf Überarbeitung und Stress zurückführen, die aber Züge aufweisen, die diese Ermüdungszustand begünstigen oder bestimmen. Häufig ergeben sich Hinweise auf unbewältigte Konflikte, Ängste, die manch einer erst in einem ausführlichen Gespräch oder „mit der Klinke in der Hand“ anzusprechen wagt .
Ein anderes Beispiel zeigt psychosomatische Störungen als Beziehungsstörung: das „Symptom-Kind“ ist eigentlich gesunder Vertreter der kranken Familie. Hier lautet der Appell: „Versteh doch bitte einer die familiären Verhältnisse“. Denken Sie an die häufig auftretenden Symptome, wie Nägelkauen, Bettnässen, Schulschwierigkeiten. Dabei löst natürlich, wie jedermann weiß, die „Schuldfrage“ kein einziges Problem - sondern es geht einzig und allein darum „verstehend zu helfen“. Dabei wirkt der Arzt oder Psychologe als Übersetzer, der den Dialog ermöglicht.
Zwei Bemerkungen zum Abschluss:
• Strenggenommen spricht man von psychosomatischen Erkrankungen erst
dann, wenn eine psychische Störung zum Organdefekt geführt hat.
Der schwierige Nachweis steht für viele der früher als klar psychosomatisch
definierten Krankheit auch heute noch aus. Forschungen auf dem Gebiet der
Psychoimmunologie versprechen, einige dieser Lücken in der Zukunft zu
schließen.
• Wichtiger ist, dass Ärzte die Klagen der Patienten nicht anonym
„wissenschaftlich“, nicht theoretisch, sondern im partnerschaftlichen
Miteinander, sei es im „Zuhörzimmer“ (Sprechzimmer) oder
beim Hausbesuch v e r s t e h e n.
Dies sollte/könnte richtungsweisend sein: etwas in Bewegung bringen,
was sich verhärten wollte.
Ihr Wolfgang Woynar.
Arzt für Allgemeinmedizin - Sportmedizin - Diplom-Psychologe
Psychosomatik - was ist das?
Liebe Leserinnen und Leser !
Die psychosomatische Krankheitslehre (Psyche = Seele, Soma = Körper) geht von einer ganzheitlichen Wechselwirkung zwischen seelischen und körperlichen Prozessen aus. Diese werden überwiegend vom vegetativen Nervensystem vermittelt. Im weitesten Sinne kann jede Krankheit psychosomatisch betrachtet werden, weil jedes seelische Erleben auch körperliche Reaktionen bedingt und umgekehrt. Deshalb beziehen psychosomatisch arbeitende Ärzte das Aufdecken und die heilsame Beeinflussung seelischer Ursachen in die Behandlung körperlicher Erkrankungen ein. An Bedeutung gewinnt dabei die Erforschung seelischer Einflüsse auf das Immunsystem (Psychoimmunologie) im Hinblick auf Infektanfälligkeit, Autoimmunkrankheiten, Allergien und Krebs.
Zu den „klassischen“ psychosomatischen Krankheiten zählen überwiegend internistische Erkrankungen. Aber auch bei HNO-, Haut-, Kinderärzten, Gynäkologen und Orthopäden sind zahlreich organische Erkrankungen mit seelischen Ursachen bekannt.
Werden psychisch bedingte Organerkrankungen nur bezüglich ihrer Symptome behandelt, werden sie nicht wirklich geheilt. Oft ist der Patient dann auf eine medikamentöse Dauertherapie angewiesen. Die meisten Patienten suchen ihren Arzt primär zur Behandlung ihrer organischen Beschwerden auf, da ist behutsame Aufklärung über mögliche seelische Zusammenhänge nötig.
Psychosomatische Diagnosen ergeben sich auf der Grundlage von Krankengeschichte und Lebenssituation.
Die Therapie erfolgt, ergänzend zu notwendigen medizinischen Behandlungen, mit verschiedenen psychotherapeutischen Behandlungen, zum Beispiel Gesprächs-, Verhaltens-, Entspannungstherapie.
Für Ihre Gesundheit alles Gute wünscht Ihnen
Ihr Wolfgang Woynar
