
Liebe Leserinnen und liebe Leser,
akute oder wiederkehrenden Schmerzen im Bereich des Rückens sind in
der Praxis des Hausarztes häufig. Für Sie als Betroffene - oder
Angehörige von Betroffenen - ist es wichtig, Ursachen und notwendige
Untersuchungen, mögliche Behandlungen besser zu verstehen. Zudem ist
Ihr eigenes Engagement gefordert: denn es gibt einiges, was Sie selber tun
können, um schneller wieder gesund zu werden und weiteren Beschwerden
vorzubeugen.
Starke Schmerzen sind nicht nur unangenehm, sondern auch beunruhigend. Man
möchte wissen, was „dahinter steckt“ und befürchtet,
dass es sich möglicherweise um eine gefährliche Erkrankung handeln
könnte. Glücklicherweise ist dies bei Rückenschmerzen nur selten
der Fall. Denn: Rücken-“schmerz“ bedeutet nicht automatisch
Rücken-“schaden“. Vertrauen Sie darauf, dass Ihr Rücken
wieder fit werden kann. Die wichtigste Regel: Werden Sie aktiv! Denn Bewegung
stärkt Ihren Rücken, verkürzt die Schmerzattacken und verringert
das Risiko für ein Wiederauftreten der Beschwerden.
Was ist mit Rückenschmerzen gemeint?
„Hexenschuß“, „Ischias“, „Ich habe es
im Kreuz“ oder „Bandscheibenprobleme“, das alles sind Aussagen,
die das gleiche meinen: Schmerzen im unteren Teil des Rückens. Sie setzen
meistens
plötzlich ein und halten selten länger als zwei Wochen an. In den
meisten Fällen verschwinden diese unkomplizierten, ungefährlichen
Rückenschmerzen nach wenigen Tagen.
Beschränken sich die Schmerzen auf den unteren Rücken, ohne ins
Bein auszustrahlen,nennt Ihr behandelnder Arzt das z.B. Lumbago, Lendenwirbelsäulen
(LWS) -Syndrom.
Das sind zumeist idiopathische (unklare) oder unspezifische (keiner bestimmten
Ursache zuzuordnende) Rückenschmerzen. Strahlen die Schmerzen bis indas
Bein aus, spricht Ihr Arztvon (Lumbo-) Ischialgie, da hier meist der Ischiasnerv
beteiligt ist. Bedrohlicher werden die Protrusio (Bandscheibenvorwölbung
= Vorstufe des Bandscheibenvorfalles) und der Prolaps (Bandscheibenvorfall).
Nach wie vor besteht großer Erklärungsnotstand, warum beispielsweise
zwischen nachgewiesenen Veränderungen bei bildgebenden Verfahren (Röntgen/
CT/ MRT) und klinischer Symptomatik derart geringe Korrelationen bestehen.
Unter welchen Bedingungen diesen angeblich objektiven Befunden tatsächlich
Krankheitswert zukommt, bleibt in vielen Fällen strittig. Nach dem derzeitigen
Erkenntnisstand sollten bildgebende Verfahren in der Rückenschmerz- Diagnostik
zurückhaltend und nur bei begründetem Verdacht eingesetzt werden.
Zum Beispiel bei neurologischen Symptomen, wie ins Bein ziehende Schmerzen,
Taubheitsgefühl oder bei strukturellen Veränderungen am Spinalkanal
Akute unspezifische Rückenschmerzen haben eine gute Prognose und sind
in der Regel nach wenigen Tagen bis Wochen wieder abgeklungen.
Allerdings ist die Rückfallquote hoch und dann drohen dauerhafte Schmerzen.
Kaum ein Mensch bleibt im Laufe seines Lebens davon verschont. Ob Schmerzen
chronisch werden, hängt von vielen Faktoren ab.
Als mögliche Ursachen werden „moderne Arbeitsbedingungen“
diskutiert. Stundenlanges, regungsloses Sitzen am Computer nimmt zu, schwere
körperliche Arbeit dagegen ist eher rückläufig.
Eine Fülle von Risikofaktoren prädisponieren zu chronischen Verläufen.
Neben dem Lebensalter und mangelhafter körperlicher Fitness (schwache
Rücken- und Bauchmuskulatur) sind dies: Übergewicht, Stress sowie
Unzufriedenheit im Beruf. Daneben sind auch berufsund freizeitspezifische
(einseitig- monotone) Belastungen zu erwähnen, wie falsches Heben und
Bücken, ungünstige Körperhaltung, ständige Vibrationen
etwa bei Lastwagenfahrern.
Das Gros der Rückenschmerzen ist unspezifischer Natur, das heißt,
eine Ursache lässt sich nicht dingfest machen. Wichtigste Maßnahme
in der Rückenschmerz- Behandlung ist die Quantifizierung des Schmerzen,
zum Beispiel anhand der visuellen Analogskala - ein ebenso einfaches wie hilfreiches
Instrument und die konsequente Behandlung, bevorzugt mit Medikamenten, um
die Bewegungsfähigkeit so rasch wie möglich wieder herzustellen.
Von Bettruhe oder jeder anderen Art der Ruhigstellung sind keine positiven
Effekte zu erwarten.
In der Langzeitbetreuung von Rückenschmerz- Patienten gilt es vor allem
die Beweglichkeit mit physikalischen Maßnahmen und Rückenschulung
aufrechtzuerhalten.
Eine sorgfältige Anleitung zur „richtigen“ Bewegung ist unerlässlich.
Zusätzliche Therapiemaßnahmen, etwa Manualtherapie, Antidepressiva,
Akupunktur oder Psychotherapie können – obwohl nur schlecht belegt
– hilfreich sein. Muskelrelaxantien erweisen sich ebenfalls als wirksam,
haben aber zum Teil nachteilige Nebenwirkungen. Häufige Rezidive begünstigen
das Chronifizieren der Beschwerden. Operative Maßnahmen bleiben auf
wenige Ausnahmen beschränkt. Muskel- und Haltungstraining bleibt nach
wie vor das beste Mittel gegen Rückenschmerzen.

Kreuzschmerzen in der ärztlichen Praxis
• Wie häufig sind Rückenschmerzen?
Drei von vier Deutschen leiden mindestens einmal im Leben daran. Rückenschmerzen
sind die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeiten (Krankschreibungen).
• Warum bekommen manche Menschen immer wieder Rückenschmerzen?
Man unterscheidet zwischen akuten (nicht länger als 6 Wochen andauernden)
und chronischen (länger als 6 Wochen andauernden) Rückenschmerzen.
Die akuten unkomplizierten Rückenschmerzen verschwinden bei den meisten
Patienten nach etwa zwei Wochen wieder. Lediglich einer von zehn Betroffen,
hat nach 6 Wochen noch Beschwerden.
Es kann jedoch passieren, dass Sie nach einigen Wochen, Monaten oder Jahren
erneut Rückenschmerzen bekommen. Genau wie die erste, sind auch alle
folgenden Schmerzattacken unangenehm, aber normalerweise ungefährlich.
Auch wiederkehrende Schmerzen bedeuten nicht, dass Ihr Rücken dauerhaft
geschädigt ist. Um wiederkehrenden Schmerzattacken vorzubeugen, sollten
Sie sich regelmäßig bewegen. Es ist sinnvoll die gelernten Bewegungsübungen,
die Bewegung im Alltag oder die angefangene Sportart weiterzuführen,
wenn es Ihnen wieder gut geht. Regelmäßige Bewegung stärkt
Ihren Rücken und schützt vor neuen Schmerzen.
• Sind Rückenschmerzen gefährlich?
Starke Schmerzen sind beunruhigend. Man möchte wissen, was „dahinter
steckt“ und vermutet, dass es sich um eine ernsthafte Erkrankung handeln
könnte. Glücklicherweise ist dies bei Rückenschmerzen nur sehr
selten der Fall. Neun von zehn aller akut aufgetretenen Rückenschmerzen
verschwinden
von selbst wieder. Nur bei einem von 10 Patienten halten die Schmerzen (chronische
Rückenschmerzen) länger als 6 Wochen ohne Unterbrechung an. In nur
5 von 1000 Fällen steckt eine ernsthafte Ursache dahinter. Behandlungsbedürftige
Ursachen machen sich fast immer durch bestimmte Warnhinweise bemerkbar. Sie
sollten umgehend einen Arzt aufsuchen, wenn Warnhinweise auftreten wie plötzlich
zunehmende Schwäche, Taubheitsgefühle, Kribbeln oder sogar Lähmungserscheinungen
der Beine sowie die plötzliche Unfähigkeit, Urin oder Stuhl bei
sich zu halten.
• Wie werden unkomplizierte Rückenschmerzen behandelt?
Mein erster Tipp: Bleiben Sie in Bewegung! Keine Bettruhe länger als
zwei Tage. – Versuchen Sie, Ihre alltäglichen Tätigkeiten
möglichst schnell wieder aufzunehmen. Sie sollten sobald wie möglich
wieder so aktiv sein wie vorher. Wenn Sie noch keinen Sport betreiben, dann
nutzen Sie alltägliche Gelegenheiten um fit zu werden: Ihrem körperlichen
Zustand angemessenes Gehen, Schwimmen oder Radfahren trainiert die Muskulatur
und stärkt damit Ihren Rücken. Besprechen Sie im Zweifelsfall mit
Ihrem Arzt, welches Belastungsniveau für Sie das Richtige ist. Um wieder
in Schwung zu kommen, können Sie anfangs ein Schmerzmittel einnehmen.
Doch lassen Sie sich nicht von Ihrem Schmerz leiten, sondern übernehmen
Sie das Kommando! Stärken Sie Ihren Rücken durch Bewegung und Sport.
Wenn Sie bei starken Schmerzen ein Schmerzmittel
einnehmen, sprechen Sie darüber mit Ihrem Hausarzt, denn wenn aus gesundheitlichen
Gründen Bedenken gegen Medikamente bestehen, können Muskelrelaxantien
(muskelentspannenden Medikamenten) eingenommen werden.
Bedenken Sie, dass auch starke Schmerzmittel nicht immer absolute Schmerzfreiheit
bringen können. Schmerzmittel sollen akute Schmerzzustände überbrücken,
sie sind jedoch keine Dauerlösung! Wärme wird von vielen Patienten
als angenehm empfunden. Der einfachste Weg den Rücken warm zu halten,
ist winddichte, warme Kleidung. Wärme tut gut! Ziehen Sie sich entsprechend
an! Wärme kann von außen (Badewanne, Sauna, Heißluft, Kurzwellenbehandlung,
feuchtheiße Wickel, Fango-Packungen, Rotlicht) oder durch durchblutungsfördernde
Maßnahmen (Rheumasalben oder (ABC-) Wärmepflaster)
zugeführt werden. Bei vielen der aufgeführten Maßnahmen kommen
beide Wirkprinzipien zusammen. In der Anfangsphase können möglicherweise
auch Kälteanwendungen gut tun.
• Sonstige Maßnahmen
Die Chirotherapie (Manipulationsbehandlung; manuelle Therapie) ist eine Behandlung,
die nur durch erfahrene Therapeuten erfolgen sollte. Diese Behandlungsmethode
kann bei unkomplizierten Rückenschmerzen, die nicht bis in den Fuß
oder die Zehen ausstrahlen, innerhalb der ersten 6 Wochen durchgeführt
werden. Die Wirksamkeit der Chirotherapie konnte in wissenschaftlichen Studien
nachgewiesen werden. Bedenken Sie aber, dass dies nur ein Teil der Behandlung
sein kann. Der Hauptaufgabe liegt bei Ihnen: Bringen Sie Ihren Rücken
durch Bewegung wieder in Form! Bettruhe und absolute Schonung ist keine geeignete
Behandlung für Ihren Rücken. Wenn eine Bettruhe unumgänglich
ist, sollten Sie spätestens nach zwei Tagen wieder aufstehen und sich
bewegen. Ein Schmerzmittel kann Ihnen helfen, wieder in Schwung zu kommen.
Sie sollten nach möglichst kurzer Zeit genauso aktiv oder aktiver sein,
als vor dem Beginn der Schmerzen. Wenn Sie sich vorher wenig bewegt haben,
fangen Sie spätestens jetzt damit an. Nutzen Sie alltägliche Gelegenheiten,
um fit zu werden.
Ein Beispiel unter vielen: Benutzen Sie die Treppe und nicht den Fahrstuhl
– Ihr gestärkter und gesunder Rücken wird es Ihnen danken!
Massagen sind bei Patienten sehr beliebt. In wissenschaftlichen Studien konnte
jedoch keine dauerhafte Verminderung der Schmerzen nachgewiesen werden. Günstiger
als eine passive Behandlung ist aktives Bewegungstraining.
Dr. med. Wolfgang Woynar
FA Allgemeinmedizin-
Sportmedizin
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