
Liebe Leserinnen und Liebe Leser,
was ist eigentlich Rheuma?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert als Rheuma: „alle mit
Schmerzen oder Funktionsverlust einhergehenden Störungen des Bewegungsapparates
und der Stützorgane,
also der Muskeln, Sehnen, Knochen, Gelenke und Bänder“.
In der Bevölkerung gilt Rheuma nach wie vor als „Alte-Leute-Krankheit“, obwohl der Krankheitsbeginn vieler rheumatischer Erkrankungen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren liegt. Sogar Kinder und Jugendliche können betroffen sein!
Schmerzen in den Gelenken, Schwellungen, steife Finger vor allem am Morgen: Das sind Anzeichen für rheumatoide Arthritis (chronische Polyarthritis), die wohl bekannteste entzündliche Gelenkerkrankung, die zerstörend auf Knochen und Knorpel übergreift.
Mit dem Sammelbegriff „Rheuma“ werden aber noch rund 400 weitere Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates bezeichnet. Nur eine möglichst frühe Diagnose mit einer optimalen, gezielten Behandlung kann schwere Folgeschäden verhindern. Das ausführliche Gespräch mit dem Arzt ist die Grundlage einer fundierten Diagnose. Rechtzeitiges Erkennen schafft Lebensqualität.
Grob lassen sich drei Hauptgruppen unterscheiden: Abnützungserkrankungen (z. B. Arthrosen), entzündliche Gelenkerkrankungen (z. B. Arthritiden) und Weichteil-Rheuma.
Die sehr häufige Arthrose ist eine Abnützungserscheinung/ Alterung der Gelenke, vor allem an Knien, Hüftgelenken, Fingern und Wirbelsäule. Typisch ist der Startschmerz am Beginn der Bewegung, der dann rasch nachlässt, aber auch der Belastungsschmerz, etwa bei längeren Gehstrecken oder beim Treppabsteigen. Im Ruhezustand oder im Schlaf tritt der Schmerz selten auf. Mit der Zeit kann es zu Gelenkverformungen bis hin zur Abnahme der Beweglichkeit und Funktionseinschränkung der Gelenke kommen. Arthritiden sind akute oder chronische Gelenkentzündungen. Die Schmerzen treten im Ruhezustand und bei Bewegung auf. Die Gelenke überwärmen, schwellen an und schmerzen stark. Bei der chronischen Polyarthritis werden sie mit der Zeit immer stärker zerstört. Ohne rechtzeitige Behandlung sind bleibende Schäden unausweichlich. Mit Psoriasis-Arthritis bezeichnet man eine Gelenkentzündung bei Patienten mit Schuppenflechte. Morbus Bechterew ist eine entzündliche rheumatische Erkrankung der Wirbelsäule. Weichteil-Rheuma befällt vor allem Sehnen und Muskeln. Bekannt ist vor allem die Fibromyalgie, bei der Schmerzen am ganzen Körper, vor allem an verschiedenen Sehnenansatzpunkten, auftreten. Zum rheumatischen Formenkreis zählen ferner Osteoporose und eine Reihe an Erkrankungen mit Beteiligung innerer Organe („Kollagenosen“).
Ist es Rheuma?
Erste Symptome für entzündliches Rheuma sind ein allgemeines Krankheitsgefühl, Appetitlosigkeit, gelegentlich auch nächtliche Schweißausbrüche, Fieber, Müdigkeit sowie häufig Gelenksteife am Morgen. Die Gelenksteife tritt anfangs meist in den Fingern auf, oft stundenlang, und führt dadurch zu Schwierigkeiten, morgens die Faust zu schließen. Eine Gelenksteifigkeit unter 30 Minuten ist zumeist harmlos und tritt durchaus bei anderen Erkrankungen (Arthrose) auf.
Typisch für die chronische Polyarthritis ist die Symmetrie, mit der die Gelenkentzündung auftritt: Es sind meist beide Körperseiten betroffen, also etwa die Finger der linken und rechten Hand etc. Hautveränderungen sind bei der chronischen Polyarthritis selten und weisen auf andere rheumatische Erkrankungen hin.
Mit Fortschreiten der Erkrankung können mehr und mehr Gelenke betroffen sein und auch zerstört werden. Durch die Entzündung sammelt sich Gelenkflüssigkeit an. Das führt zu Schwellungen, die klaren Gelenkkonturen verschwinden. Man kann zum Beispiel befallene Fingerknöchel bei geballter Faust nicht mehr erkennen. Auch Sehnenscheidenentzündungen sind ein häufiges Symptom für entzündliches Rheuma.
Der Großteil der Patienten erlebt die Krankheit in so genannten Schüben. Schmerzarme Phasen und Rheumaschübe wechseln sich ab. Dieser Krankheitsverlauf kann sich über Jahre ziehen, es ist aber auch möglich, dass es schon nach einigen Monaten zur Funktionseinschränkung der Gelenke kommt. Meist schreitet die Krankheit in den ersten zwei Jahren am schnellsten voran, deshalb ist eine frühe Diagnose so wichtig.
Erfahrene Hausärzte stellen ausführliche, gezielte Fragen zur Krankengeschichte,
um so wichtige Hinweise zum Krankheitsbild zu erhalten. Gelenkentzündungen
können durch Abtasten und eine genaue Untersuchung der Gelenkfunktion
erkannt werden. Weitere Untersuchungsmöglichkeiten sind allgemeine Blutuntersuchungen
sowie Röntgenaufnahmen und andere bildgebende Verfahren.
Dr. med. Wolfgang Woynar
www.hausarzt-bremerhaven.de
Anzeichen für die chronische Polyarthritis
- Gelenkschmerzen und -schwellungen, die immer wiederkehren
- Morgensteifigkeit in den Gelenken, die im Laufe des Tages nachlässt
- Rückenschmerzen, die immer wieder in den frühen Morgenstunden
auftreten
- Fingerknöchel, die bei geballter Faust nicht mehr erkennbar sind
Merke: „Mit jedem schmerzhaften oder geschwollenen
Gelenk, das nicht auf einen Sturz oder einen Unfall zurückgeführt
werden kann, sollte man zu seinem Hausarzt gehen.“
Rheuma? Testen Sie sich selbst!
Einfache Fragen bringen Sie und den Arzt auf die richtige Spur.
Fast jeder leidet irgendwann im Laufe des Lebens unter Schmerzen im Bewegungsapparat.
Meist verschwinden die Schmerzen genauso schnell wieder, wie sie gekommen
sind. Manchmal bleiben sie aber auch bestehen, oder kommen immer wieder. Dies
können bereits Anzeichen für eine chronische rheumatische Erkrankung
sein, die in jedem Lebensalter auftreten kann. Bei Verdacht auf Rheuma sollte
so rasch wie möglich ärztlicher Rat eingeholt werden.
Beantworten Sie einfach die Fragen. Die Auswertung kann Ihnen erste Hinweise
geben, ob Ihre Beschwerden rheumatischer Natur sind. Je früher mit der
richtigen Behandlung begonnen wird, desto besser. Mit modernen Rheuma-Medikamenten
können schwere Folgeschäden gelindert werden. Sie lindern nicht
nur die Schmerzen, sondern sorgen vor allem dafür, dass Entzündungsprozesse
und die damit verbundene fortschreitende Zerstörung der Gelenke wirksam
gestoppt werden.
1. Leiden Sie unter Gelenkschmerzen, die nicht auf eine Verletzung oder einen
Unfall zurückzuführen sind?
2. Haben Sie Gelenkschwellungen, insbesondere an den Fingergelenken?
3. Wenn ja, sind diese Schwellungen teigig weich (und nicht knöchern
hart)?
4. Leiden Sie an einer Steifigkeit in den Fingern, die länger als 30
Minuten dauert?
5. Haben Sie Schmerzen beim Händedruck?
6. Schmerzen die Knie- oder Hüftgelenke bei den ersten Schritten und
„läuft es sich dann ein“?
7. Schmerzen die Gelenke besonders beim treppabwärts gehen?
8. Haben Sie häufig Rückenschmerzen und treten diese vor allem nachts
oder frühmorgens auf?
9. Haben Sie Schwierigkeiten sich zu bücken, um ein Kleidungsstück
vom Boden aufzuheben?
10. Tut Ihnen der gesamte Körper weh?
Wenn Sie eine oder mehrere Fragen mit Ja beantworten, sollten Sie Ihren Hausarzt aufsuchen.
woynar@hausarzt-bremerhaven.de
Ist Rheuma heilbar?
Moderne Therapieformen können das Fortschreiten von entzündlichem
Rheuma wirksam stoppen. Neue Studien zeigen sogar gewisse Reparatureffekte
bei Gelenkschäden.
Die genaue Ursache der meisten rheumatischen Erkrankungen ist noch nicht restlos geklärt. Daher gelingt es in der Regel nicht, sie gänzlich zum Verschwinden zu bringen. Dennoch lassen sich viele Erkrankungen heute erfolgreich behandeln.
Rheumamedikamente lassen sich in zwei Gruppen teilen: in die symptomatisch wirkenden Arzneimittel und die Basistherapeutika.
Erstere lindern die Schmerzen und hemmen Entzündungen, können aber
die Zerstörung der
Gelenke nicht stoppen. Häufig wird Cortison eingesetzt, das bei richtiger
Anwendung eine deutliche Besserung der Lebensqualität bringen kann. Weiterhin
können vor allem die NSAR (nicht steroidale Antirheumatika) bei fast
allen rheumatischen Erkrankungen eingesetzt werden. Die Coxibe sind moderne
NSAR, die eine bessere Magenverträglichkeit aufweisen.
Basistherapeutika sind langsam wirkende Substanzen, mit denen bestimmte, die Krankheit bewirkende Schädigungsprozesse im Körper grundlegend beeinflusst werden. Sie greifen aktiv in das Immunsystem ein und stoppen die entzündliche Aktivität, so dass Gelenkzerstörungen verhindert werden. Daher soll so bald wie möglich mit einer Basistherapie begonnen werden. Wegen möglicher Nebenwirkungen dieser hochwirksamen Medikamente sind laufende ärztliche Kontrollen wichtig. Eines der gängigsten Medikamente aus dieser Gruppe ist Methotrexat, das mit gutem Erfolg bei einer Vielzahl von entzündlich- rheumatischen Krankheiten eingesetzt wird.
Die „Biologika“ sind die neuesten, derzeit wirksamsten Basistherapeutika.
Es handelt sich um hochmoderne, biotechnologisch hergestellte Arzneimittel,
die direkt in den immunologischen Ablauf des Entzündungsgeschehens eingreifen.
Körpereigene Zytokine, etwa das TNF (Tumornekrosefaktor) alpha, die im
Organismus Entzündungsprozesse verursachen oder vorantreiben, werden
gezielt blockiert. Derzeit sind drei hochwirksame TNF-alpha-Hemmer auf dem
Markt. Ein Präparat wird vom Arzt als Infusion verabreicht, die beiden
anderen können vom Patienten selbst gespritzt werden. Auch hier sind
regelmäßige Arztkontrollen nötig.
Dr. med. Wolfgang Woynar
FA Allgemeinmedizin - Sportmedizin
DAS ARSENAL DES ARZTES BEI ENTZÜNDLICHEN RHEUMA-ERKRANKUNGEN
- Schmerz- und Entzündungshemmer, wie z. B. Cortison oder NSAR
- Basistherapeutika, die die entzündlichen Aktivitäten stoppen
- Biologika, die direkt in das Immunsystem eingreifen und häufig helfen,
wenn andere Basistherapien nicht mehr greifen
Moderne Medikamente stoppen die Entzündung und sichern die Lebensqualität.
Was können Sie selbst tun?
Mit ausgewogener Ernährung, viel Bewegung und ergänzenden Behandlungsmethoden kann die Lebensqualität verbessert werden.
Eine bewusste Lebensweise kann die medikamentöse Therapie wirkungsvoll unterstützen. Wichtig sind eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung und gute Körperhaltung. Fisch, Geflügel, Obst, Gemüse und Vollkornprodukte sowie hochwertige Pflanzenöle wie z. B. Weizenkeimöl, die Omega-3-Fettsäuren enthalten, sollten auf dem Speiseplan ganz oben stehen. Daneben können Vitamin C und Vitamin E entzündungshemmend wirken. Kalzium und Vitamin D ist gut für die Knochensubstanz.
Mit Vorsicht genießen sollten Rheumatiker hingegen tierische Nahrungsmittel, da in ihnen Arachidonsäure enthalten ist. Arachidonsäure kann Schmerzen, Entzündungen und Schwellungen der Gelenke fördern. Sie findet sich in Wurst, fettem Fleisch, Milch, Eiern und Käse. Diese Nahrungsmittel sollten daher eher selten gegessen werden.
Für Übergewichtige empfiehlt sich eine Gewichtsreduktion. Das Übergewicht stellt nämlich eine extreme Belastung für die Gelenke dar. Auf Bewegung darf auch nicht vergessen werden! Zu empfehlende, weil gelenkschonende Sportarten sind zum Beispiel Schwimmen oder Wassergymnastik. Auch Spaziergänge sind hilfreich.
Auf das Rauchen sollte man gänzlich verzichten, weil es eine genetische Veranlagung für chronisch-entzündliche Gelenkerkrankungen verstärken kann. Ein Raucher hat im Vergleich zum Nichtraucher ein bis zu 12-faches Risiko, an chronischer Polyarthritis zu erkranken.
Weitere Methoden:
Bei Rheuma gibt es unzählige ergänzende Behandlungsmethoden. Man
sollte diese allerdings nur zusätzlich zu den medikamentösen Therapien
und nach Rücksprache mit dem Arzt anwenden. Schmerzen in den Gelenken
oder Weichteilen können mit physikalischer Therapie, Ergotherapie, wohl
auch durch Akupunktur gemildert werden.
Dr. med. Wolfgang Woynar
FA Allgemeinmedizin - Sportmedizin
WAS HILFT NOCH?
- Konsequente Bewegung
- Ausgewogene Ernährung: Geflügel, Fisch, Obst, Gemüse, Vollkornprodukte,
viel Vitamin C, E
- Weitere Methoden – physikalische Therapie, Ergotherapie, Akupunktur
- Besser vermeiden – tierische Fette, Eier, zu viel Milch, Käse
…
- Nicht rauchen
Wenig Tierisches, viel Pflanzliches: das tut Rheumapatienten gut. Ebenso Bewegung im Wasser..
Zusammenfassung:
- Arthrosen: Abnützungserscheinungen der Gelenke
- Arthritiden: Gelenkentzündungen
- Psoriasis-Arthritis: Gelenkentzündung bei Schuppenflechte
- Morbus Bechterew chronische, entzündliche Wirbelsäulenerkrankung
- Weichteil-Rheuma Schmerzerkrankung des Muskel- und Sehnenapparates
Neue Medikamente: Biologika
In den letzten zehn Jahren ist es zu einem eindrucksvollen Wandel in der
medikamentösen Behandlung von rheumatischen Erkrankungen gekommen. Neue
wissenschaftliche Erkenntnisse in der Krankheitsentstehung haben dazu geführt,
bestehende Therapieschemata noch effizienter aufeinander abzustimmen. Als
Basistherapie kommen so genannte krankheitsmodifizierende Medikamente
(DMARDs) zum Einsatz. Dazu zählen Substanzen wie Sulfasalazin, Methotrexat
und
Leflunomid. Untersuchungen haben gezeigt, dass der Krankheitsverlauf von einer
frühzeitig verabreichten medikamentösen Basistherapie günstig
beeinflusst wird. Gelingt das mit Hilfe der etablierten medikamentösen
Therapie nicht, können neue Substanzen, so genannte ‚Biologika’,
helfen. Eine dieser Substanzen wird TNF-Blocker genannt und hemmt einen
zentralen Botenstoff der Entzündungsreaktion. Diese neuen Substanzen
haben
einen großen Fortschritt nicht nur in der Behandlung der rheumatoiden
Arthritis,
sondern auch bei der Bechterew- Erkrankung und bei Gelenksentzündung
im
Rahmen einer Schuppenflechte gebracht.
